Erschienen auf der Facebookseite des Kulturrats der Deutschen aus Russland e.V. vom  24. April 2016

FANTASTISCHE BEGEGNUNG

Zum Roman „Aufzug Süd-Nord“ von Heinrich Rahn
(von Katharina Martin-Virolainen)

Kasachstan war für mich immer ein besonderes Land. Auf der einen Seite so unbekannt, so weit, so fremd. Auf der anderen Seite, verspürte ich immer eine gewisse Wärme, wenn ich an dieses Land dachte oder davon erzählt bekommen habe.

Mein Vater ist in Kasachstan geboren. Er leistete seinen Armeedienst in Karelien, im Norden Russlands, und blieb auch dort. Seine ganze Familie, seine Freunde und Verwandte lebten in Kasachstan bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland Anfang der 90er Jahre. Und solange die Verwandschaft noch in Kasachstan war, besuchten wir das Heimatdorf meines Vaters. Ich war damals noch sehr klein, aber die Erinnerungen an Kasachstan sind die ersten Erinnerungen, die ich überhaupt habe.

Ich erinnere mich an diese unglaublich weite Steppe. Wohin das Auge reicht- Flachland, unendlicher Horizont… „Bäume? Wo sind die ganzen Bäume?“, fragte ich mich die ganze Zeit. Für ein Kind, das umgeben von karelischen Wäldern aufgewachsen ist, war es ungewöhnlich, dass es dort so wenige Bäume gab.

Bäume gab es allerdings doch. Sie standen aber meisten in den Gärten. Apfelbäume. Die gab es auch jeden Fall, an diese kann ich mich erinnern. Staubige, nicht asphaltierte Straßen, die prallende Sonne, heiße Luft, der Duft von Apfelbäumen und von Heu, die unzähligen Kühe, die abends, zusammengetrieben durch die Straßen wanderten… der sternenreiche Himmel, der so unendlich weit weg war… Der Duft vom Lagerfeuer am Abend, das Gitarrenspiel… All das war für mich Kasachstan.

Erinnerungen, die irgendwo tief in mir sitzen, aber immer seltener an die Oberfläche kommen… Warum auch? Es gibt ja keinen Anlass dazu, oder nur selten…

Und dann halte ich dieses Buch in den Händen: Den Roman von Heinrich Rahn „Aufzug Süd-Nord“. Unter allen Büchern, habe ich, wie von magischer Hand geführt, ausgerechnet dieses gewählt. Eines weiß ich: Das Geschehen spielt in Kasachstan. Vom Rest lasse ich mich mal überraschen.

Wie kann man nun jetzt in Worte fassen, was ich beim Lesen dieses Romans empfunden habe? Es war für mich wie eine Teleportation in eine andere Welt…Die leere Wüste Kasachstans, durch das Unbegreifliche und Unbekannte zusammengeführte Schicksale, verflochten mit fantastischen Ereignissen, die man sich als Mensch nicht erklären kann. Man taucht in alte vergessene Zeiten und Epochen ein, nimmt andere Gestalten an, durchlebt frühere Leben und immer mehr verschwimmt die Grenze zwischen der Realität und dem Übernatürlichen, dem uns Verständlichen und dem Unerklärlichen, dem Irdischen und Außerirdischem.

Kasachstan, das Land aus meinen Kindheitserinnerungen, verwandelt sich in einen Schauplatz von unerklärlichen Ereignissen und übernatürlichen Phänomenen. Mir wird bewusst, wie unermesslich groß und vielseitig dieses Land ist. Und das Geschehen des Romans wird immer verzwickter, so bewegt man sich durch die Seiten des Buches, wie durch die Landschaft Kasachstans und wird immer wieder aufs Neue überrascht, man kommt nicht aus dem Staunen heraus und fragt sich ständig: „Was kommt noch? Was erwartet mich auf meiner Reise durch die nächsten Seiten?“

Heinrich Rahn versteht es Welten hervorzurufen, die über die Vorstellungsgrenzen unseres menschlichen Verstandes gehen. Und doch scheint das beschriebene Geschehen so logisch zu sein, dass man anfängt an seinem eigenen Verstand und seiner Vorstellungskraft zu zweifeln und sich plötzlich fragt, ob wir vielleicht nicht zu klein, zu eng, zu einseitig denken. Ob wir vielleicht zu wenig Fantasie haben und blind für Dinge sind, die unser Verstand nicht verarbeiten oder nicht wahrhaben will, die aber ständig um uns herum passieren. Ob es nicht tatsächlich irgendwo außer unserem Planeten noch existierende Intelligenzen gibt. Vielleicht sogar welche, die in unserer Welt, auf unserer Erde, die Fäden ziehen, ohne, dass wir etwas davon mitbekommen.

Aufzug „Süd-Nord“ ist ein aufregendes Buch, das mich nicht nur in andere Welten versetzt, sondern in mir auch eine unglaubliche Sehnsucht nach Kasachstan geweckt hat. Nun beschränkt sich meine Vorstellung nicht nur auf das kleine Dorf, das ich als Kind einst besucht habe. Dank meiner „Reise“ mit Heinrich Rahn, ist dieses Land in meiner Vorstellung viel gigantischer geworden. Diese fantastische Begegnung erweiterte nicht nur die Grenzen dieses Landes in meiner Vorstellung, sondern zeigte mir auf, dass es für Fantasie und das Übernatürliche keine Grenzen gibt.  

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