UTOPISCHER ROMAN ÜBER DIE ZUKUNFT UNSERER ZIVILISATION

Heinrich Rahn, Aufzug Süd - Nord. Roman. Geest - Verlag Vechta - Langförden 2011.

229 Seiten.

Auf der Suche nach Turan, der einen geheimnisvollen Aufzug aus dem Süden Kasachstans in den Norden des Landes liefern sollte, begegnete der Bauingenieur Andrej Renn noch einmal nicht nur seiner persönlichen Geschichte, sondern rekapituliert zusätzlich die Geschichte seines Vorgängers Turan Nurkanow, der angeblich ohne einen plausiblen Grund die Stelle des Leiters des Industrie- und Wohnungsbaues eines kasachischen Baukombinats über die Nacht gekündigt hat. Es geht nicht mit rechten Dingen zu. Im Spiel sind

"die Ray", die außerirdischen Intelligenzen, eigenartige Aliens, die bei einem Besuch auf der Erde versäumt haben, abzureisen. Um zu

überleben, bildeten sie aus losen Schwärmen feste Substanzen in vorhandenen menschlichen Körpern. Sie sind im Kontakt mit anderen Aliens, die auf der Erde keine Bedingungen zu überleben gefunden haben ("Ihre Verwandten aus dem All besuchten sie einige Male...Sie

beabsichtigten, die Menschen Schritt für Schritt zu einer höheren Spezies zu entwickeln. Doch sie scheiterten immer wieder... (Aufzug Süd - Nord,Seite 228 - 229). Heinrich Rann, der im Jahre 2008 seinen ersten utopisch - phantastischen Roman Der Jukagireveröffentlicht hat (siehe die Besprechung im LOG - Heft 123/2009), versucht auch in seinem neuen Prosawerk über das Wesen und die Zukunft des

Menschen und das Schicksal der Zivilisation nachzudenken. Er baut das Geschehen wie ein Puzzle aus vielen Bauteilen zusammen. Seine Hauptfiguren Turan und die mit ihm verbundenen jungen Frauen Siken und Regina ziehen inmitten der eigenartigen Landschaft

Kasachstans durch viele Irrungen und Wirrungen, die von Aliens verursacht sind. Sie müssen viele phantastische Veränderungen

durchmachen und manche gefährliche und schmerzhafte magisch - mystische Prüfungen bestehen.Rahn beschreibt nicht nur  verschiedene technische Probleme, die mit der geheimnisvollen Lieferung des Aufzuges und mit dem Eingreifen der Aliens in das Schicksal seiner Protagonisten in Zusammenhang stehen, sondern widmet sich auch der sozialen, historischen und kulturellen Komponente. Im Vordergrund steht die wechselhafte und kontradiktorische Beziehung zwischen Turan und Siken beziehungsweise Regina, aber auch die Soziographie Kasachstans, die der Autor aus eigener Erfahrung sehr gut kennt, weil er in der ehemaligen

Sowjetunion 1943 geboren wurde und bevor er im Jahre 1990 als Deutscher nach Deutschland ausreisen konnte, lange in Kasachstan gelebt und gearbeitet hat.Das neue Werk von Rahn ist auch eine Liebeserklärung an die Größe und Schönheit des bei uns wenig bekannten Kasachstans: "Kasachstan. Das Wort klingt exotisch, orientalisch und rätselhaft. Ich spüre in mir ein Streben hin zu dieser endlosen Ferne ... " (Aufzug Süd - Nord, Seite 173). Mit Hilfe seiner Protagonisten, vor allem des Ingenieurs Andrej Renn, baut Rahn in den neuen Roman auch autobiographische Züge ein: „Borowoje liegt im Norden des Landes ... Mitten in der Steppe eine felsige Bergkette, von dichtem Wald bewachsen und in der Vertiefung glänzt ein Kollier von kühlen Binnenseen. Ein Zufluchtsort für lange Zeit bietet sich meiner Seele ...Der Frühling prägt unseren Anfang in der neuen Behausung, die direkt am Waldrand liegt...Nadelgrün duftet der Wald... Es dauert eine Ewigkeit, bis ich die ersten Felsen erreiche, ein geneigter Stapel von riesigen Steinschüsseln, die wie Ufos aus den umgebenden

Kieferbaumkronen herausragen ... " (Aufzug Süd - Nord, Seiten 173 - 174).Im zweiten Teil des Romans erfahren wir, dass schon vor Turan auch Andrej mit Aliens im Kontakt war und wichtige existentielle Erfahrung gemacht hat: "Ich war 14 Jahre alt, als sie in meine Welt traten ... " (Aufzug Süd - Nord, Seite 153).Diese Begegnung ist schicksalhaft: "Es drängt mir ein starker Luftstrom entgegen, aber mein transparentes Ich bewegt sich mühelos durch ihn durch. Nach kurzer Zeit bildet sich in der Ferne eine lange Kette von eigentümlichen Formen ..

Vermutlich ist es eine Art von fließenden Körperzellen, die sich bald leuchtend, bald erlöschend rhythmisch am Horizont bewegen ... Mit

einem Mal empfange ich eine sinnliche Begrüßung ..." (Aufzug Süd - Nord, Seite 153, 154).Rahns Ray (Aliens) sind geistig stark entwickelt, sie kommunizieren mit vielen anderen Zivilisationen des Universums. Ihre "Oval- Körper" bestehen aus "vielen einzelnen Ray" (Aufzug Süd - Nord, Seite 155).Die außergewöhnlichen Gefühle, der eigenartigen Sehnsucht nach der Verbindung mit der Unendlichkeiten und Geheimnissen des Universums verbindet der Autor mit poetischer Beschreibung der verinnerlicht erlebten Landschaft und Natur: „Ich entdecke in mir die Fähigkeit, die Umgebung als organische Ergänzung meines Ichs wahrzunehmen. Zwischen den Bergen, im Talkessel, am Bach pressen federnde Birken ihre weißen, glatten Stämme mit wachsender Kraft auseinander und ein süßer blauer Regen rieselt von der geplatzten Rinde ...Gelbe, blaue und lila Radare breiten Signalwellen von ungeheuer süßer Verlockung für die streifflaumigen Sensorenwesen aus, die sich nun, nach den geheimnisvollen Kontakten von lebenstreibenden Energie geladen, surrend zurückzie

hen ... (Aufzug Süd - Nord, Seite 174,175).Einer der Aliens, der Rator, "speichert" Andrejs Lebenslauf und "neben den Weizenfeldern wiegt sich die Federgrassteppe" (Seite 177). Die Begegnung mit den Aliens ist reine Poesie, Schöpfungsakt, ähnlich wie Geburt eines

Gedichts: "Von Wörtern verkleidete Gestalten, Seelen werden durch Texte materialisiert.Wörter aufgebaut. Das Herzklopfen, Rhythmus in Versen - der Hauch des Lebens macht die Wörter unsterblich ... " (Seite 175). Doch die Versuche der Ray, die Menschheit zu bessern, scheitern. Ihre Bemühungen, die zwischenmenschlichen Beziehungen mit einer neuen ge

ballten Energiesubstanz zu verändern, den menschlichen Egoismus und Materialismus zu mindern, blieben ohne Erfolg, weil die

Menschen "nicht offen sind für Neues, Unerklärliches ... " (Seite 134). Der Autor zeigt seine Protagonisten in vielen Grenz

situationen. Er vermischt die realistische Ebene des Erzählten mit vielen mystisch und esoteri

sch anmutenden Elementen. Seine Figuren müssen sich durch viele Metamorphosen durchkämpfen und in unangenehmen Situationen

behaupten, was das Unterhaltungswert des Textes erhöht. Die Zeiten und Ebenen des Geschehens verändern sind ständig, die Figuren verschmelzen in etwas Neues, oder verlieren sich im Geheimnisvollen, so dass die Hauptlinie der Erzählung manchmal zu unscharf bleibt.

Trotzdem regt der neue Roman von Heinrich Rahn mit seinen interessanten Informationen und Überlegungen über die Zukunft unserer Zivilisation den Leser zu eigenen Gedankengängen und Schlusspunkten.

LEV DETELA

Herausgeber, Redakteur und Medieninhaber der Zeitsc

hrift für Internationale Literatur LOG,

Ausgabe 135 / 2012 * XXXIV *, Wien